8. Neue Geborgenheit im Wandel

Neue Geborgenheit im Wandel 

 

„We’re not getting out by Christmas; deal with it!”(ehem. Kriegsgefangener Admiral Stockdale im Interview mit Jim Collins; Collins 2001, S. 85)

 

Es ist Weihnachten. Familienzeit. Es ist friedlich, hier in meinem kleinen Haus. Meine Gedanken verweilen bei meiner verstorbenen Oma, unserer eisernen Lady. Sie wäre kurz vor Weihnachten 100 Jahre alt geworden.

Meine Oma, von einzigartigem Sarkasmus, Karten zockend, rauchend, unverwüstlich. Mit 80 Jahren fuhr sie in ihrem roten Mazda noch mit 160 km/h auf der Autobahn, manchmal auch auf den Gefühlen ihrer Mitmenschen herum, hart und herrisch. Im Jahr 1919 geboren hat sie die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs sowie den Zweiten hautnah miterlebt. Viele Geschichten ranken sich um das Erlebte, eine dunkle Zeit. Ihr Mann sei bei der SS gewesen, später im Gefängnis, so munkelt man. Auf der Flucht vor „den Russen“ war ihre erstgeborene Tochter umgekommen. Erstickt vom Kissen, das ihr Husten dämpfen sollte – so munkelt man. Aus Hunger wurden Kartoffeln vom Feld stibitzt, Baguettes des Bäckers aus seinem Fahrradkorb entwendet, die Sahne auf der Milch in den Kannen abgeschöpft – so munkelt man. Sie brachte ihre Kinder durch. Mit eisernem Willen. Doch das Gefühl einer unsicheren Welt, ein Flüchtling ohne Heimat zu sein, blieb – bis in die nächsten Generationen. Die Angst saß tief.

Die Herausforderung des Wandels

An einem Punkt im Leben erfahren die meisten Menschen einen tragischen Verlust: Den Verlust einer vertrauensvollen, kindlichen Sicherheit. In Lebenskrisen, aber auch kleineren Ohnmachtserlebnissen, machen wir die Erfahrung unserer Verletzlichkeit angesichts einer unberechenbaren Welt. Es gibt keinen absoluten Halt, kein absolutes Vertrauen – in Bezug aufs Leben und andere Menschen. Diese Ent-Täuschung geht oft mit einem Verlust eines grundlegenden „Seins-Vertrauen“ einher. Genau dieser Verlust macht Veränderungen schwierig und ist der eigentliche Kern des Widerstands.

Dieses Phänomen können wir genauso bei Veränderungen in Organisationen und Unternehmen beobachten. Insbesondere wenn es um identitätsbedrohende, schwer „verordnungsfähige“ Veränderungen geht, wie z.B. die Entwicklung einer neuen Kultur im Rahmen eines Mergers oder der Versuch einer visionären Neuausrichtung, erklärt dieser Vertrauensverlust den Widerstand viel besser, als es rationale Erwägungen es könnten.

Neue Geborgenheit als Antwort

Der Begriff der Geborgenheit ist ein einzigartiges deutsches Wort, das im Englischen kein Äquivalent hat. 2004 wurde es zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache gekürt – nicht ohne Grund meiner Meinung nach.

Inmitten der Auflösung von Familienstrukturen, einem Verschwinden der Religion als Orientierung, munterer Pluralität von Werten und Lebensentwürfen, gibt es eine Sehnsucht nach Heimat, Sicherheit und Verlässlichkeit, Ordnung und Vertrautheit.

Die Entwicklung einer Neuen Geborgenheit als grundlegendes Lebensgefühl kann aus einer existentiellen Vereinsamung und Unsicherheit hin zu einer Verbundenheit und neuen Klarheit führen. Das „Neue“ dieser Geborgenheit besteht nicht darin, die kindliche, naive Sicherheit wiederzuerlangen, mit Positiver Psychologie die Schattenseiten zu verdrängen, sondern die Unsicherheit auf höhere Ebene zu überbrücken und integrieren. Jim Collins entdeckte diese Qualität in einem Interview mit dem ehemals kriegsgefangenen Admiral Stockdale und bringt sie auf den Punkt:

„Face the brutal reality – but never ever lose faith.“ (zitiert n. Collins 2001, S. 83-87)

Neue Geborgenheit bedeutet, die Realität in all ihrer Schärfe bewusst anzuerkennen und trotzdem niemals das Vertrauen zu verlieren, dass es gut werden wird.

Die Bedeutung von zwischenmenschlichem Vertrauen

In meiner Forschung geht es darum, dieses Phänomen tiefer zu verstehen und die Schritte zu identifizieren, die wir gehen können, um diese Art der Neuen Geborgenheit entwickeln zu können. Von Bedeutung zeigt sich immer wieder das zwischenmenschliche Vertrauen gerade in Veränderungssituationen.

Veränderung bedeutet immer, in „den Nebel“ der Unsicherheit zu gehen, da keiner von uns die Zukunft vorhersagen kann. Als Führungskraft oder Change Manager bedeutet dies, Menschen dazu zu bewegen, einem zu folgen – in diese Unsicherheit des Nebels hinein. Es gibt keine Gewissheit und keine Garantie, dass es gut wird.

Was bewegt jedoch Menschen, anderen zu folgen? Ein unsichtbares Band: Vertrauen. Vertrauen in unsere Kompetenz, Vertrauen in einander im Sinne eines Wohlwollens, einer Fürsorge, dass keiner zurückgelassen wird, dass möglichst viele gewinnen.

Es muss „Sinn“ machen!

Neben einem oft geringem Vertrauen zwischen verschiedenen Parteien, begegnen mir in der Praxis oft erhebliche inhaltliche Begründungsschwierigkeiten von Veränderungen. Jedes Veränderungsvorhaben muss sich einer Prüfung durch die Sinnfrage unterziehen, früher oder später werden Fragen laut: Warum eigentlich? Und warum jetzt? Wozu? Wem nutzt es überhaupt? Und wiegt der Nutzen, der als Licht am Ende eines langen Tunnels winkt, den beschwerlichen Weg auf? Mitarbeitende machen mitunter die Erfahrung, dass aus einer fixen Idee des Chefs eine elende, komplexe Dauerkrise wird.

Diese Skepsis ist berechtigt, umso mehr benötigen wir eine Geschichte, die dem Ganzen einen tieferen Sinngibt, der die Hindernisse, die Zweifel, die viele zusätzliche Arbeit rechtfertigt. Einen „Lohn“, aus dem für mehr als eine Gruppe Gutes erwachsen kann. Im Sinn-Erkennen werden mutige, klare Entscheidungen möglich, Herausforderungen werden angepackt, Lösung tauchen beinahe magisch auf. Dies gilt gleichermaßen für unternehmerische und persönliche Veränderungen: Die Energie ist nicht mehr im Widerstand und in der Ohnmacht gebunden, sondern frei für aktives Problemlösen und Gestalten: Admiral Stockdale fing an, ein Kommunikationssystem für die Gefangenen zu etablieren, um die Isolation zu mildern. Meine Oma klaute die Sahne von den Milchkannen… Und irgendwann, mit ein bisschen Glück, erkennen wir im Schweren der Veränderung das Gute.

 

 „Freiheit und Schicksal empfangen einander zum Sinn; und im Sinn schaut das Schicksal, die eben noch so strengen Augen voller Licht, wie die Gnade selber drein.“

(Martin Buber, 1983, S. 51)

Literatur

Buber, M. (1983): Ich und Du. Reclam: Gütersloh

Bollnow, O.-F. (1955): Neue Geborgenheit. Das Problem einer Überwindung des Existentialismus. Kohlhammer: Stuttgart

Collins, J. (2001): Good to great. Why Some Companies Make the Leap…and Others Don’t. HarperCollins: New York

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